Sobald die Temperaturen im Herbst sinken, suchen sie massenhaft Zuflucht in unseren Häusern und Wohnungen: Stinkwanzen. Ihr lautes, ungeschicktes Brummen im Flug und ihr plötzliches Auftauchen an Wänden oder Gardinen lösen bei vielen Menschen Unbehagen aus. Eine der häufigsten und drängendsten Fragen, die in diesem Zusammenhang gestellt wird, lautet: Können Stinkwanzen stechen? Wenn ein Insekt so wehrhaft aussieht und zudem noch unangenehm riecht, liegt die Vermutung nahe, dass es sich auch mit einem schmerzhaften Stich verteidigen kann. Um diese Frage fundiert zu beantworten, müssen wir einen genauen Blick auf die Anatomie, die Biologie und das Verhalten dieser faszinierenden, wenn auch oft lästigen Insekten werfen.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Kein Stachel: Stinkwanzen besitzen keinen Stachel wie Bienen oder Wespen. Sie können im klassischen Sinne nicht stechen.
- Stechrüssel statt Gebiss: Sie verfügen über einen Saugrüssel (Rostrum), der primär zum Anstechen von Pflanzenzellen (oder bei Raubwanzen von anderen Insekten) dient.
- Keine Blutsauger: Menschliches oder tierisches Blut gehört nicht zu ihrer Nahrung. Sie suchen uns nicht aktiv auf, um zu beißen.
- Verteidigung durch Geruch: Bei Gefahr stechen sie nicht, sondern sondern ein stark riechendes Abwehrsekret aus speziellen Stinkdrüsen ab.
- Völlig harmlos: Für Menschen und Haustiere stellen Baum- und Stinkwanzen keine gesundheitliche Gefahr dar. Sie übertragen keine Krankheiten.

Die Anatomie der Stinkwanze: Warum sie nicht stechen kann
Um zu verstehen, warum die Angst vor einem Wanzenstich (bei den hier heimischen Baumwanzen) unbegründet ist, müssen wir uns die Mundwerkzeuge dieser Insektenordnung (Hemiptera) ansehen. Im Gegensatz zu stechenden Insekten wie Wespen, die einen modifizierten Legestachel am Hinterleib zur Verteidigung nutzen, haben Wanzen ihre "Waffe" am Kopf. Es handelt sich dabei jedoch nicht um einen Stachel zur Feindabwehr, sondern um ein hochspezialisiertes Werkzeug zur Nahrungsaufnahme: den Stechsaugrüssel (Rostrum) [4].
Wie funktioniert der Stechrüssel?
Der Rüssel der Stinkwanze ist in der Ruhestellung flach unter die Brust geklappt [1]. Er besteht aus mehreren ineinandergreifenden Teilen. Wenn die Wanze fressen möchte, klappt sie diesen Rüssel nach vorne. Im Inneren befinden sich haarfeine Stechborsten, die in das Pflanzengewebe (oder bei räuberischen Arten in die Beute) eingeführt werden. Der Vorgang läuft in zwei Phasen ab:
- Injektion: Die Wanze pumpt durch einen Speichelkanal enzymhaltigen Speichel in die Pflanze. Dieser Speichel löst das Gewebe auf und verflüssigt die Nährstoffe. Bei Früchten wie Äpfeln oder Tomaten führt dies zu den typischen, oft korkigen Saugstellen und Deformationen [3].
- Saugvorgang: Durch einen zweiten Kanal, den Nahrungskanal, wird der nun flüssige Pflanzenbrei aufgesaugt.
Dieser Rüssel ist anatomisch perfekt an das Durchdringen von Pflanzenhäutchen (Epidermis) oder dünnen Insektenpanzern angepasst. Die dicke, elastische menschliche Haut ist für die meisten pflanzenfressenden Stinkwanzen, wie die Grüne Stinkwanze (Palomena prasina) oder die invasive Marmorierte Baumwanze (Halyomorpha halys), ein nahezu unüberwindbares Hindernis.
Pflanzenfresser vs. Räuber: Gibt es Ausnahmen?
Die Familie der Baumwanzen (Pentatomidae), zu der die meisten als "Stinkwanzen" bezeichneten Arten gehören, ist riesig. Weltweit gibt es etwa 6.000 Arten, in Mitteleuropa rund 80 [5]. Die überwiegende Mehrheit dieser Arten ist phytophag, also pflanzenfressend. Dazu gehören die bekannten Lästlinge, die im Herbst unsere Häuser aufsuchen.
Pflanzenfressende Stinkwanzen (Phytophage Wanzen)
Arten wie die Marmorierte Baumwanze, die Grüne Reiswanze (Nezara viridula) oder die heimische Beerenwanze (Dolycoris baccarum) ernähren sich ausschließlich von Pflanzensäften [2]. Ihr Rüssel ist fein und fragil. Selbst wenn man eine solche Wanze in die Hand nimmt und sie sich bedroht fühlt, wird sie nicht versuchen, den Menschen zu stechen. Ihr Instinkt sieht den Rüssel nicht als Verteidigungswaffe gegen große Wirbeltiere vor.
Räuberische Stinkwanzen (Prädatoren)
Es gibt jedoch eine Unterfamilie innerhalb der Baumwanzen (die Asopinae), die räuberisch lebt. Ein bekanntes heimisches Beispiel ist die Zweizähnige Dornwanze (Picromerus bidens) oder der Waldwächter (Arma custos) [5]. In Nordamerika ist der Spined Soldier Bug (Podisus maculiventris) ein wichtiger Nützling in der Landwirtschaft [4].
Diese räuberischen Wanzen jagen Raupen, Käferlarven und andere Insekten. Um den Chitinpanzer ihrer Beute zu durchdringen, ist ihr Stechrüssel deutlich kräftiger, dicker und kürzer als der der Pflanzenfresser. Können diese Arten Menschen stechen? Theoretisch ja. Wenn man eine räuberische Wanze grob quetscht oder einklemmt, kann sie in reiner Panik mit ihrem Rüssel zustoßen. Ein solcher "Biss" (eigentlich ein Stich) wird oft mit einem leichten Nadelstich verglichen. Er ist jedoch extrem selten, völlig ungefährlich, überträgt keine Krankheiten und verursacht in der Regel nur eine kurzzeitige, leichte Rötung. Es ist ein reiner Abwehrreflex, kein gezielter Angriff.
Wichtig zu wissen: Bettwanzen sind keine Stinkwanzen!
Oft entsteht die Angst vor Wanzenstichen durch eine Verwechslung. Bettwanzen (Cimicidae) sind blutsaugende Parasiten, die Menschen nachts gezielt aufsuchen und stechen. Sie gehören zwar auch zur Ordnung der Wanzen, sind aber mit den Stink- und Baumwanzen (Pentatomidae) nur sehr entfernt verwandt. Eine Stinkwanze, die sich in Ihr Schlafzimmer verirrt hat, hat absolut kein Interesse an Ihrem Blut und wird Sie im Schlaf nicht beißen.

Wenn sie nicht stechen, wie verteidigen sie sich dann?
Da Stinkwanzen weder einen Giftstachel noch kräftige Beißzangen besitzen, haben sie im Laufe der Evolution eine andere, äußerst effektive Verteidigungsstrategie entwickelt: die chemische Kriegsführung. Dieser Mechanismus ist es auch, der ihnen ihren wenig schmeichelhaften Namen eingebracht hat.
Die Stinkdrüsen: Anatomie und Funktion
Sowohl die Larven (Nymphen) als auch die erwachsenen Tiere (Imagines) besitzen spezielle Drüsen. Bei den Nymphen liegen diese Stinkdrüsen meist auf dem Rücken des Hinterleibs, bei den erwachsenen Tieren befinden sie sich an der Unterseite der Brust (Thorax), nahe dem Ansatz der mittleren und hinteren Beinpaare [1].
Fühlt sich die Wanze bedroht – sei es durch einen Vogel, der sie fressen will, oder durch einen Menschen, der sie mit einem Taschentuch greift oder gar zerdrückt – presst sie reflexartig ein Sekret aus diesen Drüsen. Dieses Sekret besteht aus einem komplexen Cocktail flüchtiger organischer Verbindungen, hauptsächlich Aldehyden (wie Tridecan und (E)-2-Decenal) und Alkanen [1].
Wirkung des Sekrets auf den Menschen
Für den Menschen ist dieses Sekret die eigentliche "Gefahr" im Umgang mit Stinkwanzen, nicht ein potenzieller Stich. Das Sekret hat folgende Eigenschaften:
- Extremer Geruch: Der Geruch wird oft als süßlich-ranzig, nach altem Koriander, ranzigem Apfel oder verbrannten Mandeln beschrieben. Er ist extrem durchdringend und haftet hartnäckig an Haut, Kleidung und Oberflächen.
- Hautreizungen: Bei empfindlichen Personen kann das Sekret, wenn es in größerer Menge direkt auf die Haut gelangt, leichte Reizungen oder Kontaktallergien auslösen.
- Augenreizungen: Gelangt das Sekret (z.B. durch Reiben mit kontaminierten Fingern) in die Augen, brennt es stark und kann zu einer vorübergehenden Bindehautentzündung führen.
- Fleckenbildung: Das Sekret kann auf hellen Tapeten, Vorhängen oder Stoffen gelbliche bis bräunliche Flecken hinterlassen, die schwer auszuwaschen sind.
Fazit zur Verteidigung: Die Stinkwanze sticht nicht, sie "stinkt". Das ist ihre einzige und völlig ausreichende Methode, um Fressfeinde abzuschrecken. Für den Menschen ist dies lästig und unangenehm, aber medizinisch harmlos.

Warum fliegen Stinkwanzen uns scheinbar an?
Viele Menschen berichten im Herbst von regelrechten "Angriffen", bei denen Stinkwanzen scheinbar gezielt auf sie zufliegen. Dieses Verhalten schürt die Angst vor einem Stich. Doch auch hier gibt es eine einfache biologische Erklärung, die nichts mit Aggression zu tun hat.
Ungeschickte Flieger auf Quartiersuche
Besonders die invasive Marmorierte Baumwanze (Halyomorpha halys) ist dafür bekannt, im Herbst massenhaft menschliche Behausungen aufzusuchen. Sie suchen trockene, frostfreie und geschützte Spalten (Rollladenkästen, Fensterrahmen, Dachböden), um dort in eine Winterstarre (Diapause) zu verfallen [1].
Stinkwanzen sind relativ schwere Insekten und keine besonders eleganten Flieger. Ihr Flug ist oft unkontrolliert und wird von einem lauten, tiefen Summton begleitet [1]. Wenn sie in einem Zimmer umherfliegen, orientieren sie sich an Lichtquellen (Lampen, Fernseher) oder hellen Flächen. Wenn eine Wanze gegen Sie prallt, ist das kein gezielter Angriff, sondern schlichtweg ein Navigationsfehler des Insekts. Sie verwechseln uns schlicht mit einem Landeplatz auf dem Weg in ihr Winterquartier.
Praxis-Tipp: So entfernen Sie Stinkwanzen richtig
Da die Wanzen nicht stechen, aber bei Stress stinken, ist die oberste Regel: Niemals zerdrücken!
Stülpen Sie stattdessen vorsichtig ein leeres Glas über das Insekt und schieben Sie ein Stück Papier oder Pappe darunter. Tragen Sie die Wanze so nach draußen. Alternativ können Sie die Wanze auch mit einem Staubsauger einsaugen (Achtung: Der Staubsaugerbeutel kann danach einige Tage nach dem Sekret riechen, wechseln Sie ihn bei starkem Befall aus).
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Können Stinkwanzen Blut saugen?
Nein. Baum- und Stinkwanzen ernähren sich ausschließlich von Pflanzensäften (oder in seltenen Fällen von anderen Insekten). Sie haben absolut kein Interesse an menschlichem oder tierischem Blut. Blutsaugende Wanzen sind Bettwanzen, die einer völlig anderen Familie angehören.
Sind Stinkwanzen giftig für Menschen?
Nein, Stinkwanzen sind für den Menschen nicht giftig. Ihr Abwehrsekret riecht extrem unangenehm und kann bei direktem Haut- oder Augenkontakt zu leichten, vorübergehenden Reizungen führen, es enthält jedoch keine gefährlichen Toxine.
Was passiert, wenn mein Hund oder meine Katze eine Stinkwanze frisst?
Auch für Haustiere sind Stinkwanzen nicht lebensgefährlich giftig. Das übel schmeckende Sekret führt bei Hunden und Katzen jedoch oft zu starkem Speicheln, Würgen oder Erbrechen. In der Regel lernen Haustiere nach dem ersten Versuch, diese Insekten in Ruhe zu lassen.
Übertragen Stinkwanzen Krankheiten?
Nein. Da Stinkwanzen den Menschen nicht stechen und kein Blut saugen, fungieren sie nicht als Vektoren (Überträger) für menschliche Krankheitserreger. Sie sind reine Lästlinge und Pflanzenschädlinge.
Warum kommen Stinkwanzen im Herbst ins Haus?
Stinkwanzen überwintern als erwachsene Tiere. Wenn die Tage kürzer und die Nächte kälter werden, suchen sie instinktiv nach trockenen, geschützten und frostfreien Spalten. Unsere beheizten Häuser bieten dafür ideale Bedingungen. Sie nisten sich dort aber nicht ein, um sich zu vermehren, sondern verfallen in eine Winterstarre.
Fazit: Entwarnung an der Wanzen-Front
Die Frage "Können Stinkwanzen stechen?" lässt sich mit einem klaren und beruhigenden Nein beantworten. Die in unseren Breiten vorkommenden und in Häuser eindringenden Baumwanzen sind anatomisch nicht darauf ausgelegt, menschliche Haut zu durchdringen, und haben biologisch gesehen auch keinerlei Grund dazu. Sie sind reine Vegetarier, die es auf den Saft von Blättern und Früchten abgesehen haben.
Ihre einzige Waffe ist ihr Geruch. Wenn im Herbst also wieder eine Marmorierte Baumwanze laut brummend durch Ihr Wohnzimmer navigiert, bewahren Sie Ruhe. Das Insekt will Sie weder stechen noch beißen. Fangen Sie es behutsam mit einem Glas ein und setzen Sie es vor die Tür. So ersparen Sie sich den unangenehmen Geruch und dem Insekt das Leben.
Wissenschaftliche Quellen & Referenzen
- INSECT RESPECT (2020). Wissenswertes über das Insekt: Marmorierte Baumwanze (Halyomorpha halys). Biologie, Verhalten und Schadpotenzial.
- inatura Erlebnis Naturschau GmbH (2023). Grüne Reiswanze – ein Klimaprofiteur im Vormarsch. Information der inatura-Fachberatung.
- Landwirtschaftliches Technologiezentrum Augustenberg (LTZ) (2022). Hinweise zur Pflanzengesundheit: Grüne Reiswanze (Nezara viridula). Ausbreitung und Schadbild.
- University of Maryland Extension. Common Stink Bugs of the Mid-Atlantic (Hemiptera: Pentatomidae). Unterscheidung zwischen phytophagen und räuberischen Wanzen.
- Schuster, A. (2007). Die Wanzen (Insecta: Heteroptera) Westmecklenburgs Teil 1 (Baumwanzen, Pentatomidae). Virgo, Mitteilungsblatt des Entomologischen Vereins Mecklenburg, 10. Jahrgang.