Erkennen
Aussehen & Bestimmungsmerkmale
Die Körpergröße adulter Wanzen variiert stark und reicht von winzigen 0,5 mm bei *Anthocoridae* bis zu über 40 mm bei großen Vertretern der *Pentatomidae* oder *Reduviidae*.[1] Der Kopf ist meist hypognath ausgerichtet und trägt einen charakteristischen, vorne entspringenden Rüssel (Rostrum), der stechend-saugende Mundwerkzeuge umschließt. Die Antennen sind typischerweise vier- bis fünfgliedrig, während die Augenpartie aus prominenten Komplexaugen und oft drei Ocellen besteht, die jedoch bei einigen aquatischen Gruppen fehlen können.[2] Ein diagnostisches Hauptmerkmal sind die Vorderflügel (Hemielytren), die in einen ledrigen Basalteil (Corium) und eine häutige Spitze (Membran) unterteilt sind. In der Ruhestellung liegen diese Flügel flach über dem Abdomen und bilden durch ihre Struktur oft ein erkennbares "X"-Muster.[1] Der Thorax zeigt häufig ein erweitertes Pronotum sowie ein prominentes Scutellum, das bei Schildwanzen einen Großteil des Hinterleibs bedecken kann. Die Beine weisen vielfältige Anpassungen auf, wie etwa Raubbeine bei *Reduviidae* oder mit Schwimmhaaren besetzte Ruderbeine bei aquatischen *Nepomorpha*. Das Abdomen ist stark sklerotisiert, besitzt oft sichtbare Seitenränder (Connexiva) und trägt bei Adulten metathorakale Duftdrüsenöffnungen zur chemischen Verteidigung.[2] Ein Sexualdimorphismus zeigt sich häufig in der Größe, wobei Männchen oft kleiner sind oder Stridulationsorgane zur Partnerwerbung besitzen, während Weibchen ein breiteres Abdomen aufweisen.[1] Die Entwicklung verläuft hemimetabol über fünf Nymphenstadien, die den Adulten ähneln, jedoch noch flügellos sind und deren Flügelscheiden sich schrittweise vergrößern. Nymphen verfügen über funktionale dorsale Abdominaldrüsen anstelle der metathorakalen Drüsen der Adulten.[2] Die Eier sind häufig tonnenförmig und besitzen Mikropylenfortsätze für den Gasaustausch, wobei die Ablage einzeln oder in Gelegen auf Substraten erfolgt.[1] Zur Abgrenzung von den *Auchenorrhyncha* (Zikaden) dienen primär der vorne am Kopf ansetzende Rüssel sowie die unterschiedliche Struktur der Vorderflügel, die bei Zikaden meist einheitlich häutig oder ledrig sind.[2]
Die Unterordnung *Heteroptera*, gemeinhin als Wanzen bekannt, umfasst weltweit etwa 45.000 beschriebene Arten in über 75 Familien und zeichnet sich durch eine enorme ökologische Anpassungsfähigkeit aus. Sie besiedeln Lebensräume von terrestrischen Wäldern und Wiesen bis hin zu Süßwasserbiotopen, wobei spezialisierte Gattungen wie *Halobates* sogar den offenen Ozean bewohnen. Ein anatomisches Hauptmerkmal ist das Rostrum, ein rüsselartiges Mundwerkzeug, das entspannt ventral am Kopf anliegt und stechende Stylette enthält, um Flüssigkeiten aus Pflanzen oder Beutetieren zu saugen.[1] Im Gegensatz zu den verwandten *Auchenorrhyncha* entspringt dieser Rüssel anterior am Kopf, und die Vorderflügel (Hemielytren) bilden im Ruhezustand oft ein charakteristisches X-Muster auf dem Rücken, da sie aus einem ledrigen Basalteil und einer membranösen Spitze bestehen. Viele Arten verfügen über metathorakale Stinkdrüsen zur chemischen Verteidigung, eine Funktion, die bei den Larvenstadien von dorsalen Abdominaldrüsen übernommen wird.[2] Die Entwicklung verläuft hemimetabol über fünf Nymphenstadien, in denen die Tiere ohne Puppenphase heranwachsen und den Adulten zunehmend ähneln.[6] Während dieser Phase bilden sich die Flügelscheiden schrittweise aus, wobei die Nymphen oft ähnliche Nahrungsnischen wie die Imagines besetzen, jedoch noch flugunfähig und sexuell unreif sind.[2] Die Dauer des Lebenszyklus variiert stark; bei räuberischen Arten wie *Geocoris punctipes* dauert die Entwicklung vom Ei zum Adulten beispielsweise etwa 37 Tage.[1] Sexuelle Dimorphismen sind verbreitet, wobei Männchen häufig kleiner sind und Stridulationsorgane zur akustischen Kommunikation während der Balz nutzen, während Weibchen oft breitere Abdomen für die Eiproduktion aufweisen. Ein bemerkenswertes Fortpflanzungsverhalten zeigt die Bettwanze (*Cimex lectularius*) mit der traumatischen Insemination, bei der das Männchen die Bauchwand des Weibchens direkt durchsticht, um Spermien in das Hämocoel zu injizieren. Physiologisch sind Wanzen durch ein Verdauungssystem mit extraoraler Verdauung charakterisiert, bei dem Enzyme in das Nahrungssubstrat injiziert werden, um Gewebe vor der Aufnahme zu verflüssigen.[2] Aquatische Vertreter der *Nepomorpha* zeigen hochspezialisierte Anpassungen wie die Plastron-Atmung, bei der hydrophobe Härchen einen permanenten Luftfilm unter Wasser halten, der den Gasaustausch ermöglicht.[7] Zur Wahrnehmung ihrer Umgebung nutzen viele terrestrische Arten Trichobothrien, feine Tasthaare, die sensibel auf Luftvibrationen reagieren und so vor Fressfeinden warnen.[2] Die evolutionäre Erfolgsgeschichte der Gruppe reicht bis in die mittlere Trias zurück, wobei die massive Diversifizierung vieler phytophager Linien eng mit der Ausbreitung der Angiospermen in der Kreidezeit korreliert.[1]
Systematik
Name & Einordnung
Die wissenschaftliche Bezeichnung *Heteroptera* wurde 1810 von Pierre André Latreille als Unterordnung innerhalb der *Hemiptera* formalisiert, um diese taxonomisch von den damals als Homoptera klassifizierten Gruppen abzugrenzen.[1] Der Name leitet sich aus den griechischen Wörtern *heteros* („verschieden“) und *pteron* („Flügel“) ab und bezieht sich auf die charakteristischen Vorderflügel (Hemielytren), die im Gegensatz zu den einheitlichen Flügeln anderer Schnabelkerfe eine ledrige Basis (Corium) und eine häutige Spitze (Membran) aufweisen.[2][1] Ursprünglich fasste Carl Linnaeus in seiner *Systema Naturae* (1758) alle Schnabelkerfe unter den *Hemiptera* zusammen, ohne die Flügelstruktur als primäres Unterscheidungsmerkmal zu nutzen. Historische Klassifikationssysteme, wie jenes von O.M. Reuter (1910–1912), unterteilten die Gruppe basierend auf der Lebensweise in Serien wie Amphibicorisae (wasserlebend) und Geocorisae (landlebend). Diese Einteilung wurde 1959 von W.E. China und N.C.E. Miller weiter standardisiert, wobei die morphologische Trennung in Hydrocorisae und Geocorisae lange Zeit die Systematik prägte.[1] Die frühere Gegenüberstellung zu den „Homoptera“ (Gleichflüglern) gilt heute als veraltet, da sich jene Gruppe als polyphyletisch erwiesen hat.[1][2] In der modernen Systematik bilden die *Heteroptera* gemeinsam mit den *Coleorrhyncha* (Peloridiidae) das Monophylum Prosorrhyncha, welches oft als Schwestergruppe den *Auchenorrhyncha* gegenübergestellt wird.[1] Im deutschsprachigen Raum wird die Gruppe unter dem Trivialnamen „Wanzen“ geführt.[3] International ist im Englischen der Begriff „true bugs“ gebräuchlich, um sie spezifisch von anderen Insektenordnungen abzugrenzen.[2]