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Drahtwürmer Gift: Welche Mittel heute noch erlaubt & wirksam sind
April 15, 2026 Patricia Titz

Drahtwürmer Gift: Welche Mittel heute noch erlaubt & wirksam sind

Wer beim Anbau von Kartoffeln, Mais oder Salat plötzliche Welkeerscheinungen oder durchlöcherte Knollen feststellt, sucht oft instinktiv nach einem schnellen und wirksamen Drahtwürmer Gift. Die Larven der Schnellkäfer (Agriotes spp.) fressen sich unerbittlich durch unterirdische Pflanzenteile und können ganze Ernten vernichten. Doch wer heute in den Landhandel geht, um ein klassisches chemisches Bodeninsektizid zu kaufen, wird enttäuscht. Die Zeiten, in denen man Drahtwürmer mit der chemischen Keule flächendeckend ausrotten konnte, sind vorbei. Stattdessen rücken biologische Präparate, repellente Stoffe und hochspezifische Pilzstämme in den Fokus der modernen Schädlingsbekämpfung. Dieser Artikel beleuchtet tiefgreifend, welche toxischen und abwehrenden Mittel der Wissenschaft und Praxis heute noch zur Verfügung stehen und warum viele traditionelle Ansätze in aktuellen Studien durchgefallen sind.

Das Wichtigste auf einen Blick

  • Chemie-Verbot: Klassische chemische Gifte gegen Drahtwürmer (wie Fipronil oder Chlorpyrifos) haben ihre Zulassung verloren. Aktuell gibt es im regulären Anbau kein zugelassenes chemisches Direktbekämpfungsmittel mehr [1].
  • Wirkungslose Alternativen: Neuere Studien zeigen, dass alternative Insektizide wie Spinosad oder Spirotetramat den Drahtwurmschaden an Knollen nicht signifikant reduzieren können [2].
  • Biologisches "Gift": Insektenpathogene Pilze (z.B. Metarhizium brunneum) stellen die aktuell vielversprechendste toxische Alternative dar. Präparate wie Attracap erhalten teils Notfallzulassungen [3].
  • Repellents statt Toxine: Mittel wie Kalkstickstoff oder Niem-Produkte töten den Drahtwurm nicht, sondern vertreiben ihn lediglich temporär aus der Hauptwurzelzone [4].
Vertikale Flucht von Drahtwürmern vor Kontaktgiften.
Vertikale Flucht von Drahtwürmern vor Kontaktgiften.

Das Ende der chemischen Keule: Warum klassisches Drahtwürmer Gift fehlt

Noch vor wenigen Jahrzehnten war die Bekämpfung von Bodeninsekten stark von breitbandig wirkenden Insektiziden geprägt. Granulate und Saatgutbeizungen sorgten dafür, dass die Drahtwurmpopulationen künstlich niedrig gehalten wurden. Mit dem zunehmenden Bewusstsein für Umweltschutz, Grundwasserbelastung und den Schutz von Nicht-Ziel-Organismen (wie Bienen und Regenwürmern) wurden diese Wirkstoffe jedoch sukzessive vom Markt genommen.

Ein aktuelles Forschungsprojekt von Agroscope (2015 bis 2019) untersuchte verzweifelt nach verbliebenen chemischen Lösungen. Getestet wurden Pflanzenschutzmittel auf der Basis von Chlorpyrifos, Spinosad, Spirotetramat und Tefluthrin. Das ernüchternde Ergebnis: Keines dieser Produkte konnte den Schaden durch Drahtwürmer an Kartoffelknollen signifikant reduzieren [2]. Die einzige Ausnahme bildete das Referenzprodukt mit dem Wirkstoff Fipronil. Fipronil zeigte eine gute Wirksamkeit, insbesondere wenn es bereits im Herbst in die Zwischenfrucht vor den Kartoffeln ausgebracht wurde. Das Problem dabei: Fipronil ist in der Schweiz und in der gesamten EU aufgrund seiner hohen Toxizität für Bienen längst verboten [2].

Warum wirken verbliebene Insektizide so schlecht?

Drahtwürmer besitzen eine ausgeprägte Fähigkeit zur vertikalen Migration im Boden. Bei Trockenheit, Kälte oder dem Einbringen von reizenden Stoffen ziehen sie sich in tiefere Bodenschichten (bis zu 60 cm) zurück [4]. Kontaktgifte, die oberflächlich oder in der Saatrille ausgebracht werden, erreichen die Schädlinge oft gar nicht. Sobald die Wirkstoffkonzentration nachlässt und die Bedingungen (Feuchtigkeit, Temperatur) optimal sind, wandern die Larven wieder nach oben und beginnen ihren Fraß.

Kalkstickstoff und Niem: Vertreibung statt Vergiftung

Da echte Toxine fehlen, greifen viele Landwirte und Gärtner zu Mitteln, die dem Drahtwurm das Leben schwer machen sollen. Oft wird Kalkstickstoff (CaCN2) als eine Art "Drahtwürmer Gift" gehandelt. Wissenschaftliche Laborversuche des Gartenbaukompetenzzentrums (GKZ) haben diese Annahme jedoch widerlegt: Kalkstickstoff erwies sich gegenüber älteren Drahtwurmstadien als nicht toxisch [4]. Er besitzt lediglich eine repellente (abschreckende) Wirkung. Bei einer Aufwandmenge von 750 kg/ha weichen die Drahtwürmer in eine Distanz von 25 bis 40 cm aus. Sie sterben nicht, sondern fressen an anderer Stelle oder warten ab, bis sich der Kalkstickstoff im Boden umgewandelt hat.

Die Enttäuschung bei Niem-Produkten

Auch pflanzliche Insektizide auf Basis des Niembaums (Neem) wurden intensiv geprüft. Der Wirkstoff Azadirachtin ist bekannt dafür, den Häutungszyklus von Insekten zu stören. In Gewächshausversuchen mit dem Produkt NeemAzal-T/S (in Salat-Pflanzballen injiziert) zeigte sich jedoch keine signifikante toxische Wirkung. Es kam lediglich zu einer Verzögerung der Fraßaktivität um wenige Tage [4].

Ein weiterer Ansatz war der Einsatz von Niempresskuchen (NPK) als Dünger und Repellent. In Präferenzversuchen mieden die Drahtwürmer zwar Bereiche mit extrem hoher NPK-Konzentration (10-fache Überdosierung), bei praxisüblichen Mengen gab es jedoch keinen Unterschied zur unbehandelten Kontrolle. Interessanterweise enthielt der Presskuchen laut Hersteller gar keine Restmengen des toxischen Azadirachtin A mehr. In Freilandversuchen mit Kopfsalat brachte eine Aufwandmenge von 40 kg NPK/ha absolut keinen Effekt in Bezug auf die Reduktion des Fraßschadens [4].

Wirkungsweise der Attract-and-Kill-Methode bei Drahtwürmern.
Wirkungsweise der Attract-and-Kill-Methode bei Drahtwürmern.

Biologische "Gifte": Insektenpathogene Pilze als neue Hoffnung

Wenn chemische Gifte verboten und Repellents unzuverlässig sind, bleibt die biologische Schädlingsbekämpfung. Hier rücken insektenpathogene Pilze in den Fokus, die in der Natur als natürliche Gegenspieler der Drahtwürmer fungieren. Die bekanntesten Gattungen sind Beauveria und Metarhizium [1].

Wie der Pilz den Drahtwurm tötet

Diese Pilze wirken wie ein hochspezifisches biologisches Gift. Der Infektionsprozess verläuft in mehreren Phasen:

  1. Kontakt: Die Pilzsporen haften an der harten Chitinhülle (Cuticula) des Drahtwurms.
  2. Keimung & Penetration: Unter geeigneten Feuchtigkeitsbedingungen keimt die Spore. Der Pilz bildet Enzyme, die den Panzer des Insekts auflösen, und das Myzel dringt in das Körperinnere ein [1].
  3. Toxinbildung & Tod: Im Inneren des Drahtwurms vermehrt sich der Pilz rasant und sondert Toxine ab. Der Drahtwurm stirbt.
  4. Sporulation: Nach dem Tod des Wirtstieres wächst der Pilz aus dem Kadaver heraus und bildet an der Oberfläche neue Sporen, die weitere Larven infizieren können [1].

Präparate in der Praxis: Attracap und Naturalis

In der Praxis gestaltet sich der Einsatz dieser Pilze jedoch als Herausforderung. Das Produkt Naturalis (basierend auf Beauveria bassiana) konnte in Freilandversuchen den Pflanzenausfall in Kopfsalatbeständen nicht verringern [4]. Bessere Ergebnisse liefert die Gattung Metarhizium.

Ein bekannter Stamm ist Metarhizium anisopliae ART-2825. In Versuchen, bei denen mit Pilzmyzel bewachsene Getreidekörner in die Pflanzreihen eingearbeitet wurden, konnte bei der Drahtwurmart Agriotes ustulatus ein Wirkungsgrad von 65 % erreicht werden. Bei der Art A. sputator lag die Reduktion jedoch nur bei 21 % [4]. Dies zeigt ein massives Problem biologischer Gifte: Sie wirken oft extrem artspezifisch.

Ein Produkt, das es in die landwirtschaftliche Praxis geschafft hat, ist Attracap (basierend auf Metarhizium brunneum). Es verfügt in einigen Ländern (z.B. der Schweiz) über Notfallzulassungen für begrenzte Flächen (z.B. maximal 1000 ha im Jahr 2022) [3]. Attracap nutzt die sogenannte "Attract-and-Kill"-Methode.

Exkurs: Die Attract-and-Kill-Methode

Da Drahtwürmer im Boden schwer zu treffen sind, müssen sie zum Gift gelockt werden. Drahtwürmer orientieren sich im Boden an CO2-Gradienten, die von atmenden Pflanzenwurzeln ausgehen. Bei der Attract-and-Kill-Methode werden Granulate (z.B. Alginat-Kapseln) ausgebracht, die Hefe oder andere Stoffe enthalten, welche im Boden CO2 produzieren. Der Drahtwurm wird angelockt ("Attract") und kommt unweigerlich mit den in das Granulat eingearbeiteten Pilzsporen in Kontakt, was zu seiner Infektion und seinem Tod führt ("Kill") [1].

Der Prozess der Biofumigation in vier Schritten.
Der Prozess der Biofumigation in vier Schritten.

Biofumigation: Pflanzliches Gift aus der Natur

Eine weitere Methode, toxische Substanzen gegen Drahtwürmer in den Boden zu bringen, ohne auf synthetische Chemie zurückzugreifen, ist die Biofumigation. Hierbei macht man sich die natürlichen Abwehrstoffe bestimmter Pflanzen zunutze.

Kreuzblütler (Brassicaceae) wie Senf oder Ölrettich produzieren Glucosinolate (Senföl-Glycoside). Werden diese Pflanzen als Zwischenfrucht angebaut, in der Blüte gehäckselt und sofort in den feuchten Boden eingearbeitet, werden die Pflanzenzellen zerstört. Durch enzymatische Prozesse entstehen dabei Isothiocyanate – flüchtige Gase, die eine stark toxische und repellente Wirkung auf bodenbürtige Schadorganismen, einschließlich Drahtwürmer, haben [1].

Obwohl das Prinzip faszinierend ist, zeigen Versuche, dass eine zufriedenstellende Wirkung nur unter absolut optimalen Bedingungen (ausreichend Biomasse, feuchter Boden, sofortige Einarbeitung, luftdichter Abschluss) und meist nur in Kombination mit anderen Methoden erzielt werden kann [1].

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Gibt es noch ein chemisches Gift gegen Drahtwürmer zu kaufen?

Nein, im regulären landwirtschaftlichen Anbau und für den Hausgarten gibt es in der EU und der Schweiz keine zugelassenen chemischen Bodeninsektizide (wie Fipronil oder Chlorpyrifos) mehr zur direkten Bekämpfung von Drahtwürmern. Der Fokus liegt heute auf indirekten Maßnahmen und biologischen Präparaten.

Ist Kalkstickstoff giftig für Drahtwürmer?

Nein. Laborversuche haben gezeigt, dass Kalkstickstoff (CaCN2) nicht toxisch auf ältere Drahtwurmstadien wirkt. Er hat lediglich eine repellente (abschreckende) Wirkung und vertreibt die Larven temporär aus der behandelten Bodenzone.

Was ist Attracap und wie wirkt es?

Attracap ist ein biologisches Präparat auf Basis des insektenpathogenen Pilzes Metarhizium brunneum. Es nutzt die Attract-and-Kill-Methode: Ein Granulat verströmt CO2, lockt den Drahtwurm an und infiziert ihn bei Kontakt mit tödlichen Pilzsporen.

Helfen Niem-Produkte als Gift gegen den Drahtwurm?

Studien zeigen, dass Niem-Produkte (wie NeemAzal oder Niempresskuchen) bei Drahtwürmern kaum toxische Wirkung entfalten. Sie verzögern höchstens die Fraßaktivität leicht oder wirken bei extremer Überdosierung leicht abschreckend, verhindern aber keine Ernteschäden.

Was versteht man unter Biofumigation bei Drahtwürmern?

Bei der Biofumigation werden spezielle Zwischenfrüchte (z.B. Senf) angebaut und in den Boden eingearbeitet. Dabei entstehen toxische Gase (Isothiocyanate), die wie ein natürliches Begasungsmittel gegen Bodeninsekten wie den Drahtwurm wirken.

Fazit

Die Suche nach dem perfekten Drahtwürmer Gift führt in der modernen Landwirtschaft und im Gartenbau unweigerlich weg von der synthetischen Chemie. Da hochwirksame, aber umweltschädliche Insektizide wie Fipronil verboten sind und vermeintliche Alternativen wie Kalkstickstoff oder Niem nur unzureichend abschrecken, liegt die Zukunft in der Biologie. Insektenpathogene Pilze (Metarhizium) in Kombination mit intelligenten Lockstoff-Strategien (Attract-and-Kill) sowie pflanzliche Toxine durch Biofumigation sind die Werkzeuge von morgen. Bis diese Methoden jedoch flächendeckend und kostengünstig funktionieren, bleibt die Regulierung des Drahtwurms eine Kombination aus intelligenter Fruchtfolge, gezielter Bodenbearbeitung und dem Einsatz biologischer Nischenprodukte.

Wissenschaftliche Quellen & Referenzen

  • [1] Agroscope Merkblatt Nr. 118 / 2020: Drahtwürmer – Möglichkeiten der Regulierung. Autoren: Anouk Guyer, Brigitte Baur und Giselher Grabenweger.
  • [2] Agrarforschung Schweiz (2024): Kurative Massnahmen gegen Drahtwürmer (Agriotes spp.) in Kartoffelkulturen.
  • [3] swisspatat Qualitätsmerkblatt (2022): Drahtwürmer - Biologie, Schaden und Bekämpfung.
  • [4] Info-Blatt 4/2011 Gemüsebau: Möglichkeiten der Bekämpfung von Drahtwürmern (Agriotes spp.) im Gemüsebau. Claudia Ritter und Kai-Uwe Katroschan, Landesforschungsanstalt für Landwirtschaft und Fischerei MV.
  • [5] AGES - Österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit: Drahtwürmer - Schnellkäfer (Agriotes sp.).

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