Der Wegfall zahlreicher chemisch-synthetischer Bodeninsektizide hat Landwirte und Gemüsebauer vor eine massive Herausforderung gestellt: Die Populationen von Drahtwürmern (den Larven der Schnellkäfer, Agriotes spp.) nehmen stetig zu. Da direkte Bekämpfungsmethoden weitgehend fehlen, rücken ackerbauliche und kulturtechnische Massnahmen in den Fokus. Eine häufig diskutierte Frage in der Praxis lautet daher: Gibt es einen Dünger gegen Drahtwürmer, der den Schädling abtötet oder zumindest effektiv vertreibt? Die Forschung hat in den letzten Jahren verschiedene Dünge- und Bodenhilfsstoffe – von Kalkstickstoff über Niempresskuchen bis hin zur Gründüngung – intensiv auf ihre Wirkung gegen Drahtwürmer untersucht. Die Ergebnisse zeigen ein differenziertes Bild zwischen Laborerfolgen und der harten Realität auf dem Feld.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Keine toxische Wirkung: Handelsübliche Dünger töten Drahtwürmer nicht ab. Sie besitzen im besten Fall eine vergrämende (repellente) Wirkung.
- Kalkstickstoff (CaCN2): Zeigt in Laborversuchen eine deutliche Repellent-Wirkung, erfordert im Freiland für diesen Effekt jedoch extrem hohe, oft nicht praxisgerechte Aufwandmengen.
- Boden-pH-Wert: Drahtwürmer bevorzugen leicht saure Böden. Aufkalken stört sie zwar, bietet aber keinen ausreichenden Schutz vor Frassschäden.
- Niempresskuchen: Trotz vielversprechender Laboransätze zeigte sich im Freiland (z.B. bei Kopfsalat) kein messbarer Effekt zur Schadensreduktion.
- Biofumigation: Die Gründüngung mit Kreuzblütlern (z.B. Gelbsenf) setzt toxische Senföl-Glycoside frei, erfordert aber ein perfektes Management, um gegen Drahtwürmer zu wirken.

Kalkstickstoff (Calciumcyanamid): Das zweischneidige Schwert
Kalkstickstoff (CaCN2) wird in der Landwirtschaft traditionell nicht nur zur Stickstoffversorgung und Kalkung eingesetzt, sondern auch wegen seiner bekannten phytosanitären Nebenwirkungen gegen Unkräuter und bodenbürtige Krankheiten geschätzt. Daher lag die Vermutung nahe, diesen speziellen Dünger gegen Drahtwürmer einzusetzen.
Repellente Wirkung statt Toxizität
Umfangreiche Laborversuche, unter anderem im Rahmen von BMELV/BLE-Projekten, haben die Wirkung von Kalkstickstoff auf ältere Drahtwurmstadiem detailliert untersucht. Das ernüchternde, aber wichtige Ergebnis: Kalkstickstoff wirkt auf Drahtwürmer nicht toxisch [1]. Die Larven sterben bei Kontakt mit dem Dünger nicht ab. Allerdings konnte eine signifikante repellente (abschreckende) Wirkung nachgewiesen werden.
In den Versuchen reichte diese vergrämende Wirkung bis zu einer Distanz von 25 bis 40 Zentimetern [1]. Das bedeutet, dass Drahtwürmer aktiv Zonen meiden, in denen Kalkstickstoff in ausreichender Konzentration in die Bodenlösung übergegangen ist. Sie wandern in tiefere oder benachbarte, unbehandelte Bodenschichten ab.
Um die im Labor festgestellte repellente Wirkung auf eine Distanz von 25-40 cm zu erzielen, war eine Aufwandmenge entsprechend 750 kg Kalkstickstoff pro Hektar erforderlich [1].
Praktische und rechtliche Grenzen im Feld
Die Übertragung dieser Erkenntnisse in die landwirtschaftliche Praxis stösst auf massive Hürden. Eine Gabe von 750 kg CaCN2/ha entspricht einer enormen Stickstoffzufuhr (Kalkstickstoff enthält ca. 19,8 % Stickstoff, was knapp 150 kg reinem N pro Hektar entspräche). Dies kollidiert in vielen Regionen mit der Düngeverordnung (Nitratrichtlinien) und den spezifischen Stickstoffbedarfswerten vieler Gemüsekulturen. Zudem ist Kalkstickstoff in dieser Konzentration für frisch gepflanzte oder gesäte Kulturen stark phytotoxisch (pflanzenschädigend). Er darf nur mit ausreichendem zeitlichem Abstand vor der Saat oder Pflanzung (Wartezeit) ausgebracht werden. Wenn die Kultur dann im Boden ist und der Drahtwurm aus tieferen Schichten zurückkehrt, ist die repellente Cyanamid-Phase des Düngers oft bereits in harmlosen Harnstoff und Nitrat umgewandelt.
Beeinflussung des Boden-pH-Werts durch Düngung
Ein weiterer Ansatzpunkt bei der Wahl des Düngers ist die gezielte Manipulation des Bodenmilieus. Ökologische Beobachtungen zeigen, dass Drahtwürmer tendenziell saure Böden bevorzugen [2]. Besonders der Humusschnellkäfer (Agriotes obscurus) ist überwiegend auf Böden mit niedrigem pH-Wert anzutreffen, während der Saatschnellkäfer (Agriotes lineatus) auch Flächen mit höherem pH-Wert besiedelt [3].
Aufkalken als Lösung?
Die logische Schlussfolgerung wäre, den pH-Wert durch basisch wirkende Dünger (wie Branntkalk, Kohlensaurer Kalk oder eben Kalkstickstoff) stark anzuheben, um den Lebensraum für die Larven unattraktiv zu machen. Die landwirtschaftliche Beratungspraxis zeigt jedoch, dass Aufkalken oder hohe Düngergaben den pH-Wert im stark gepufferten Bodensystem oft nur leicht und temporär erhöhen. Diese Massnahme zeigt in der Praxis nur eine sehr geringe Wirkung auf die Drahtwurmpopulation und bietet isoliert betrachtet keinen ausreichenden Schutz gegen Frassschäden an Knollen oder Wurzeln [2]. Die pH-Wert-Regulierung sollte daher primär nach den Bedürfnissen der Kulturpflanze erfolgen und nicht als primäre Strategie zur Drahtwurmbekämpfung angesehen werden.

Organische Dünger: Niempresskuchen (NPK) im Fokus
Im ökologischen Landbau und im integrierten Gemüsebau wird intensiv nach organischen Alternativen gesucht. Niem-Produkte (Neem), gewonnen aus den Samen des Niembaums, sind für ihre insektiziden Eigenschaften (Wirkstoff Azadirachtin) bekannt. Niempresskuchen (NPK), der Rückstand aus der Ölpressung, wird oft als organischer Dünger mit nematizider und insektizider Nebenwirkung vermarktet.
Präferenzversuche im Labor
Um eine mögliche repellente Wirkung von Niempresskuchen als Dünger gegen Drahtwürmer zu untersuchen, wurden Multiple-Choice-Versuche (Präferenzversuche) in Rohrsystemen durchgeführt. Dabei wurde Erde mit NPK in verschiedenen Konzentrationen versetzt und mit Weizenkörnern als Köder versehen. Das Ergebnis: Bei einer normalen NPK-Konzentration (entsprechend 50 g auf 10 Liter Erde) wurden genauso viele Weizenkörner angefressen wie in der unbehandelten Kontrolle [1].
Erst bei einer 10-fachen Überkonzentration waren sowohl die Anzahl der Drahtwürmer als auch der Frass signifikant geringer. Interessanterweise enthält der Niempresskuchen laut Herstellerangaben keine relevanten Restmengen des eigentlichen insektiziden Wirkstoffs Azadirachtin A mehr. Die repellente Wirkung bei extremer Überdosierung scheint demnach von einer anderen, noch unbekannten Komponente des Presskuchens herzurühren [1].
Die Freiland-Realität
Wie beim Kalkstickstoff scheitert auch der Niempresskuchen an der praktischen Umsetzbarkeit. In einem Freilandversuch mit Kopfsalat wurde eine praxisübliche Aufwandmenge von 40 kg NPK pro Hektar appliziert. Das Resultat war eindeutig: Es wurde kein Effekt in Bezug auf eine Reduktion des Drahtwurm-Frassschadens erreicht [1]. Die Mengen, die nötig wären, um den Boden flächendeckend für den Drahtwurm unattraktiv zu machen, sind ökonomisch nicht darstellbar und würden das Nährstoffgefüge des Bodens massiv aus dem Gleichgewicht bringen.

Gründüngung und Biofumigation als indirekte Düngestrategie
Wenn direkte Düngergaben versagen, rückt die Gründüngung (Zwischenfrüchte) in den Fokus. Hierbei geht es nicht um das Ausbringen von Nährstoffen aus dem Sack, sondern um den Anbau von Pflanzen, die später als organischer Dünger in den Boden eingearbeitet werden. Ein spezielles Verfahren in diesem Bereich ist die Biofumigation.
Senföl-Glycoside als biologisches Gas
Die Biofumigation nutzt Pflanzen aus der Familie der Kreuzblütler (Brassicaceae), wie beispielsweise Gelbsenf oder Ölrettich. Diese Pflanzen bilden in ihren Zellen Glucosinolate (Senföl-Glycoside). Werden diese Pflanzen zur Blütezeit fein gehäckselt und sofort in den feuchten Boden eingearbeitet, kommen die Glucosinolate mit dem Enzym Myrosinase in Kontakt. Es entstehen Isothiocyanate – flüchtige, toxische Gase, die eine abtötende und repellente Wirkung auf bodenbürtige Schadorganismen, einschliesslich Drahtwürmer, haben können [3].
Damit die Biofumigation als "Düngestrategie" gegen Drahtwürmer funktioniert, müssen drei Faktoren zwingend erfüllt sein:
- Zerkleinerung: Die Pflanzenzellen müssen extrem fein zerschlagen werden (z.B. mit einem Schlegelmulcher).
- Einarbeitung: Das Material muss sofort (innerhalb von Minuten) in die obersten Bodenschichten eingemischt werden.
- Feuchtigkeit: Der Boden muss feucht sein, und idealerweise wird die Fläche nach der Einarbeitung gewalzt, um das Ausgasen in die Atmosphäre zu verhindern.
Trotz der theoretischen Eleganz dieser Methode zeigen Versuche, dass eine zufriedenstellende Wirkung gegen den Drahtwurm nur unter absolut optimalen Bedingungen und meist nur in Kombination mit anderen Methoden (wie intensiver Bodenbearbeitung im Spätsommer) erzielt werden kann [3]. Zudem muss beachtet werden, dass Kreuzblütler als Vorfrucht nicht in jede Fruchtfolge passen (Gefahr von Kohlhernie).
Fazit: Dünger sind keine Insektizide
Die Suche nach einem Dünger gegen Drahtwürmer, der das Problem im Handumdrehen löst, bleibt vorerst erfolglos. Die wissenschaftlichen Daten belegen klar: Weder Kalkstickstoff noch Niempresskuchen oder eine simple pH-Wert-Verschiebung durch Kalkung können den Drahtwurm im Freiland bei praxisüblichen Aufwandmengen effektiv kontrollieren. Die nachgewiesenen repellenten Effekte treten erst bei extremen Überdosierungen auf, die pflanzenbaulich, rechtlich und ökonomisch nicht vertretbar sind.
Düngungsmassnahmen sollten daher primär der Pflanzenernährung und der Förderung eines vitalen, schnell wüchsigen Bestandes dienen. Eine kräftige, gut ernährte Pflanze wächst dem kritischen Jungpflanzenstadium schneller davon und kann leichte Frassschäden besser kompensieren. Zur tatsächlichen Regulierung der Drahtwurmpopulation müssen Landwirte auf ein Bündel an Massnahmen setzen: Angepasste Fruchtfolgen (Vermeidung von Kleegras vor anfälligen Kulturen), gezielte Bodenbearbeitung im Spätsommer zur Austrocknung der Eier und Junglarven sowie perspektivisch der Einsatz von insektenpathogenen Pilzen (wie Metarhizium brunneum), an deren Etablierung im Feld derzeit intensiv geforscht wird [1][3].
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Hilft Kalkstickstoff zuverlässig gegen Drahtwürmer?
Nein. Kalkstickstoff wirkt zwar im Labor abschreckend (repellent) auf Drahtwürmer, tötet sie aber nicht ab. Um diese Wirkung im Freiland zu erzielen, wären extrem hohe Mengen (ca. 750 kg/ha) nötig, die landwirtschaftlich und rechtlich nicht umsetzbar sind.
Kann ich den Drahtwurm durch Kalken (pH-Wert-Erhöhung) vertreiben?
Drahtwürmer bevorzugen zwar tendenziell leicht saure Böden, jedoch reicht das Aufkalken zur Anhebung des pH-Wertes nicht aus, um die Schädlinge effektiv zu vertreiben oder Frassschäden zu verhindern.
Wirkt Niempresskuchen als Dünger gegen den Drahtwurm?
In Laborversuchen zeigte Niempresskuchen erst bei 10-facher Überdosierung eine abschreckende Wirkung. In Freilandversuchen mit praxisüblichen Mengen (40 kg/ha) konnte kein Rückgang der Drahtwurmschäden festgestellt werden.
Welche Gründüngung hilft gegen Drahtwürmer?
Der Anbau von Kreuzblütlern (wie Gelbsenf) kann durch das Verfahren der Biofumigation helfen. Dabei werden beim feinen Einarbeiten der Pflanzen toxische Senföl-Glycoside freigesetzt, die Drahtwürmer schädigen können. Dies erfordert jedoch optimale Boden- und Witterungsbedingungen.
Gibt es überhaupt einen Dünger, der Drahtwürmer abtötet?
Nein, es gibt derzeit keinen zugelassenen Dünger, der eine toxische (abtötende) Wirkung auf Drahtwürmer hat. Düngemittel können maximal das Bodenmilieu leicht verändern oder bei massiver Überdosierung vergrämend wirken.
Quellenverzeichnis
- Ritter, C., Katroschan, K.-U. (2011): Möglichkeiten der Bekämpfung von Drahtwürmern (Agriotes spp.) im Gemüsebau. Landesforschungsanstalt für Landwirtschaft und Fischerei MV, Info-Blatt 4/2011.
- swisspatat (2022): Qualitätsmerkblatt Drahtwürmer. Arbeitsgruppe Anbau & Qualität swisspatat, Agroscope.
- Guyer, A., Baur, B., Grabenweger, G. (2020): Drahtwürmer – Möglichkeiten der Regulierung. Agroscope Merkblatt Nr. 118 / 2020.