Der Wegfall zahlreicher chemisch-synthetischer Bodeninsektizide hat Landwirte und Gemüsebauern vor eine massive Herausforderung gestellt. Wenn die goldgelben Larven der Schnellkäfer (Agriotes spp.) in Kartoffelknollen, Wurzelgemüse oder Maisbestände eindringen, sind Totalausfälle keine Seltenheit. Wer heute nach einem wirksamen Mittel gegen Drahtwürmer sucht, wird feststellen: Die eine "Wunderwaffe" aus der Spritze gibt es nicht mehr. Stattdessen erfordert die moderne Drahtwurmbekämpfung ein tiefes Verständnis der Schädlingsbiologie und die Kombination aus ackerbaulichen, kulturtechnischen und biologischen Maßnahmen.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Chemische Mittel versagen: Aktuelle Studien zeigen, dass zugelassene Insektizide kaum noch Wirkung zeigen. Einzig das verbotene Fipronil brachte in Versuchen noch Erfolge [5].
- Biologische Bekämpfung: Insektenpathogene Pilze wie Metarhizium brunneum (z.B. im Präparat Attracap) gelten derzeit als vielversprechendstes direktes Mittel gegen Drahtwürmer [2, 3].
- Attract-and-Kill: Neue Verfahren locken die Larven mit CO2-Quellen gezielt in Pilz-Depots [3].
- Timing der Bodenbearbeitung: Eine flache Stoppelbearbeitung im Spätsommer (August/September) vernichtet empfindliche Eier, Junglarven und Puppen durch Austrocknung [3, 4].
- Fruchtfolge-Management: Das Schadrisiko ist in den ersten drei Jahren nach einem Wiesenumbruch am höchsten. Kleegras sollte als Vorfrucht vor anfälligen Kulturen vermieden werden [1, 2].

Warum klassische Insektizide keine Lösung mehr sind
Lange Zeit verließ man sich in der Landwirtschaft auf breitbandig wirkende Bodeninsektizide oder Saatgutbeizen. Mit dem Verbot vieler Wirkstoffe (wie Neonicotinoide) aus Gründen des Umwelt- und Gewässerschutzes entstand eine Bekämpfungslücke. Doch selbst wenn man auf noch verfügbare oder kürzlich verbotene chemische Mittel blickt, ist die Bilanz ernüchternd.
Umfangreiche Versuche von Agroscope (2015-2019) in der Schweiz untersuchten die kurative Wirkung verschiedener Pflanzenschutzmittel auf Basis von Chlorpyrifos, Spinosad, Spirotetramat und Tefluthrin in Kartoffelkulturen. Das Ergebnis: Keines dieser Mittel konnte den Drahtwurmschaden an den Knollen signifikant reduzieren [5]. Einzig das Referenzprodukt mit dem Wirkstoff Fipronil zeigte eine gute Wirksamkeit, ist jedoch in der Schweiz und der EU längst nicht mehr zugelassen [5]. Diese Datenlage unterstreicht, dass die Suche nach einem rein chemischen Mittel gegen Drahtwürmer eine Sackgasse ist. Der Fokus muss zwingend auf integrierten Pflanzenschutzverfahren liegen.
Biologische Mittel gegen Drahtwürmer: Pilze als natürliche Feinde
Da chemische Optionen wegfallen, rücken natürliche Gegenspieler in den Fokus der Forschung und Praxis. Als effektivstes biologisches Mittel gegen Drahtwürmer haben sich insektenpathogene (insekttötende) Pilze erwiesen, insbesondere Stämme der Gattungen Metarhizium und Beauveria.
Metarhizium anisopliae und Metarhizium brunneum
Diese Bodenpilze befallen Schadinsekten, indem ihre Sporen an der Haut (Cuticula) der Drahtwürmer haften bleiben. Das Pilzmyzel dringt in das Insekt ein, durchwächst das Körperinnere und tötet die Larve ab. Nach dem Tod des Wirtstieres bildet der Pilz an der Oberfläche neue Sporen, die weitere Larven infizieren können [3].
In Freilandversuchen des Gartenbaukompetenzzentrums (GKZ) in Deutschland wurde der Stamm Metarhizium anisopliae ART-2825 getestet. Dabei wurden mit Pilzmyzel bewachsene Getreidekörner in die Pflanzreihen von Salat eingearbeitet. Das Ergebnis war stark abhängig von der vorhandenen Drahtwurmart: Bei einem Befall mit Agriotes ustulatus wurde ein Wirkungsgrad von 65 % erreicht, während bei Agriotes sputator nur eine Reduktion der Schäden um 21 % erzielt wurde [1]. Dies zeigt, dass biologische Mittel oft artspezifisch wirken.
Praxis-Tipp: Notfallzulassungen nutzen
Für den Kartoffelanbau gibt es zeitweise Notfallzulassungen für Präparate wie Attracap (basierend auf Metarhizium brunneum). Das Granulat muss mit speziellen Streuern exakt bei der Pflanzung appliziert werden, um den Pilz direkt in die Nähe der entstehenden Knollen zu bringen [2].
Die "Attract-and-Kill" Methode
Ein Problem beim Einsatz von Pilzen ist, dass Drahtwürmer im Boden nicht zwangsläufig auf die Pilzsporen treffen. Um die Effizienz dieses biologischen Mittels gegen Drahtwürmer zu steigern, wurde das "Attract-and-Kill"-Verfahren entwickelt. Hierbei werden die Pilzsporen mit Lockstoffen kombiniert. Häufig nutzt man pflanzliche Duftstoffe oder künstliche CO2-Quellen (z.B. in Form von Alginat-Kapseln, die Hefe enthalten). Das ausströmende CO2 imitiert die Atmung von Pflanzenwurzeln. Der Drahtwurm wird angelockt, kommt gezielt mit dem Pilz in Kontakt und stirbt ab [3].

Repellents und Düngemittel: Was bringen Kalkstickstoff und Neem?
Oft werden in der Praxis bestimmte Düngemittel oder Pflanzenextrakte als Hausmittel oder alternative Mittel gegen Drahtwürmer angepriesen. Wissenschaftliche Untersuchungen zeichnen hier jedoch ein differenziertes Bild.
Kalkstickstoff (CaCN2)
Kalkstickstoff wird oft eine bodendesinfizierende Wirkung nachgesagt. Laborversuche haben jedoch gezeigt, dass Kalkstickstoff gegenüber älteren Drahtwurmstadien nicht toxisch wirkt. Er besitzt lediglich eine repellente (abschreckende) Wirkung. Bei einer Aufwandmenge von 750 kg/ha reichte diese abschreckende Wirkung nur für eine Distanz von 25 bis 40 cm [1]. Zudem erhöht Kalkstickstoff den Boden-pH-Wert leicht, was Drahtwürmer (die saure Böden bevorzugen) stören kann, aber keinen ausreichenden Schutz vor Fraßschäden bietet [2]. Kalkstickstoff ist also kein direktes Bekämpfungsmittel, sondern maximal ein Baustein zur Vergrämung.
Neem-Produkte
Extrakte aus dem Niembaum (Wirkstoff Azadirachtin) sind bekannte Bio-Insektizide. In Präferenzversuchen mit Niempresskuchen (NPK) zeigte sich, dass erst bei einer extrem hohen, 10-fachen Konzentration Fraß und Drahtwurmanzahl signifikant sanken [1]. In praxisnahen Freilandversuchen mit Kopfsalat und einer Aufwandmenge von 40 kg NPK/ha konnte kein Effekt in Bezug auf eine Reduktion des Drahtwurmschadens erreicht werden [1]. Auch flüssige Neem-Präparate (NeemAzal-T/S) verzögerten die Fraßaktivität im Labor nur um wenige Tage [1]. Neem-Produkte scheiden als verlässliches Mittel gegen Drahtwürmer im Feldanbau somit aus.

Indirekte Mittel gegen Drahtwürmer: Ackerbau und Kulturführung
Da direkte Bekämpfungsmittel limitiert sind, ist die indirekte Regulation der Population das wichtigste "Mittel" gegen Drahtwürmer. Ziel ist es, den Lebenszyklus der Schnellkäfer zu stören und ihnen die Nahrungsgrundlage zu entziehen.
Bodenbearbeitung zum richtigen Zeitpunkt
Drahtwürmer haben zwei Hauptaktivitätsphasen, in denen sie sich in den obersten Bodenschichten aufhalten: im Frühjahr (März bis Mai) und im Spätsommer (September bis Oktober) [1, 2]. Eine flache Stoppelbearbeitung im Spätsommer (August/September), idealerweise einige Tage nach Niederschlägen, ist hochgradig effektiv. Durch Scheibenegge, Hacke oder Fräse werden empfindliche Entwicklungsstadien (Eier, Junglarven und Puppen) an die Oberfläche befördert, wo sie mechanisch zerstört werden oder durch UV-Strahlung und Wind austrocknen [2, 3, 4]. Bei starker Trockenheit wandern die Larven jedoch in tiefere Schichten ab und sind für diese Maßnahme unerreichbar [3].
Fruchtfolge und Standortwahl
Schnellkäferweibchen legen ihre Eier bevorzugt in dichte, feuchte und ungestörte Pflanzenbestände ab – klassischerweise in Wiesen, Weiden oder stark verunkrautete Flächen [3]. Das Risiko für Drahtwurmschäden ist daher in den ersten drei Jahren nach einem Wiesenumbruch am höchsten [2]. Als indirektes Mittel gegen Drahtwürmer gilt eine angepasste Fruchtfolge:
- Vermeidung von Kleegras als Vorfrucht vor anfälligen Kulturen wie Kartoffeln, Salat oder Möhren [1].
- Anbau von Körnerleguminosen (Eiweißerbsen, Ackerbohnen) oder Brassicaceen (Senf) als Vorfrüchte, da diese weniger attraktiv für die Eiablage sind [2].
- Auf gefährdeten Parzellen in den ersten 2-3 Jahren nach Wiesenumbruch auf den Anbau von Kartoffeln verzichten [2].
Biofumigation
Ein weiteres ackerbauliches Mittel gegen Drahtwürmer ist die Biofumigation. Hierbei werden kreuzblütlerartige Zwischenfrüchte (z.B. Gelbsenf) angebaut. Beim Einarbeiten der frischen Pflanzenmasse in den feuchten Boden werden Glucosinolate freigesetzt, die sich in toxische Isothiocyanate (Senföle) umwandeln. Diese Gase haben eine toxische und repellente Wirkung auf bodenbürtige Schädlinge. Versuche zeigen jedoch, dass dieses Verfahren nur unter absolut optimalen Bedingungen (ausreichend Biomasse, feuchter Boden, sofortiges Einarbeiten und Anwalzen) zufriedenstellende Ergebnisse liefert [3].
Monitoring: Befall erkennen, bevor es zu spät ist
Bevor man teure biologische Mittel gegen Drahtwürmer einsetzt, muss der Befallsdruck ermittelt werden. Hierfür stehen zwei Methoden zur Verfügung, die jedoch ihre Grenzen haben.
Pheromonfallen: Sie locken gezielt die männlichen Schnellkäfer an. Sie dienen nicht der Bekämpfung (Massenfang funktioniert nicht), sondern zeigen lediglich an, welche Agriotes-Arten auf dem Feld vorkommen und wann der Hauptflug stattfindet [3]. Dies ist wichtig, da Arten wie A. sordidus einen kürzeren Lebenszyklus (2-3 Jahre) haben und als besonders schädlich gelten [4].
Köderfallen: Im Frühling oder Herbst werden Becher mit gequollenen Getreidekörnern oder Kartoffelhälften im Boden eingegraben. Nach 7-10 Tagen wird kontrolliert. Findet sich durchschnittlich ein Drahtwurm pro Falle, gilt das Feld als stark befallen [3]. Allerdings weisen Experten darauf hin, dass diese Methode für eine exakte Befallsprognose oft zu unzuverlässig ist, da Drahtwürmer bei ausreichendem Nahrungsangebot im Boden die Köder ignorieren können [2].
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Gibt es noch ein chemisches Mittel gegen Drahtwürmer?
Nein, im regulären Acker- und Gemüsebau stehen in der EU und der Schweiz derzeit keine hochwirksamen chemischen Bodeninsektizide (wie Fipronil oder Neonicotinoide) mehr zur Verfügung. Die Bekämpfung muss über biologische und ackerbauliche Maßnahmen erfolgen.
Hilft Kalkstickstoff als Mittel gegen Drahtwürmer?
Kalkstickstoff ist nicht toxisch für Drahtwürmer. Er hat lediglich eine leicht abschreckende (repellente) Wirkung auf einer kurzen Distanz von wenigen Zentimetern und bietet keinen ausreichenden Schutz vor Fraßschäden.
Wann ist der beste Zeitpunkt für die Bodenbearbeitung gegen Drahtwürmer?
Der beste Zeitpunkt ist der Spätsommer (August bis September). In dieser Zeit befinden sich empfindliche Eier, Junglarven und Puppen nahe der Bodenoberfläche und können durch flache Bodenbearbeitung mechanisch zerstört oder ausgetrocknet werden.
Wie funktioniert die Attract-and-Kill Methode bei Drahtwürmern?
Bei dieser biologischen Methode werden Kapseln in den Boden eingebracht, die CO2 ausstoßen (z.B. durch Hefe). Das CO2 lockt die Drahtwürmer an. An der Kapsel kommen sie mit tödlichen Pilzsporen (z.B. Metarhizium) in Kontakt und sterben ab.
Welche Vorfrüchte fördern Drahtwürmer?
Mehrjährige Kunstwiesen, Kleegras und stark verunkrautete Brachen fördern die Eiablage der Schnellkäfer massiv. In den ersten drei Jahren nach dem Umbruch solcher Flächen ist das Risiko für Drahtwurmschäden am höchsten.
Fazit
Die Suche nach dem einen, schnellen Mittel gegen Drahtwürmer gehört der Vergangenheit an. Wer seine Ernten vor den gefräßigen Larven des Schnellkäfers schützen will, muss strategisch vorgehen. Die Basis bildet ein intelligentes Flächenmanagement: Vermeidung von Wiesenumbrüchen direkt vor anfälligen Kulturen und eine gezielte, flache Bodenbearbeitung im Spätsommer. Ergänzt wird dies durch den Einsatz biologischer Präparate auf Basis insektenpathogener Pilze (wie Metarhizium), idealerweise kombiniert mit innovativen Attract-and-Kill-Verfahren. Nur durch die Kombination dieser Bausteine lässt sich der Drahtwurmdruck langfristig und nachhaltig unter die wirtschaftliche Schadschwelle drücken.
Quellenverzeichnis
- Ritter, C. & Katroschan, K.-U. (2011): Möglichkeiten der Bekämpfung von Drahtwürmern (Agriotes spp.) im Gemüsebau. Info-Blatt 4/2011, Landesforschungsanstalt für Landwirtschaft und Fischerei MV.
- swisspatat (2022): Qualitätsmerkblatt Drahtwürmer. Arbeitsgruppe Anbau & Qualität swisspatat.
- Guyer, A., Baur, B. & Grabenweger, G. (2020): Drahtwürmer – Möglichkeiten der Regulierung. Agroscope Merkblatt Nr. 118/2020.
- Lehmhus, J. & Niepold, F. (2013): New finds of the click beetle Agriotes sordidus (Illiger, 1807) and an overview on its current distribution in Germany. Journal für Kulturpflanzen, 65 (8).
- Agrarforschung Schweiz (2024): Kurative Massnahmen gegen Drahtwürmer (Agriotes spp.) in Kartoffelkulturen.
- AGES - Österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit: Drahtwürmer - Schnellkäfer (Agriotes sp.).