Wer im Kartoffel- oder Gemüsebau tätig ist, kennt das Problem: Runde, tief in das Erntegut reichende Fraßgänge, die Kartoffeln, Möhren oder Zwiebeln unverkäuflich machen. Der Verursacher ist der Drahtwurm, die Larve des Schnellkäfers (Agriotes spp.). Da in den letzten Jahren nahezu alle hochwirksamen chemischen Bodeninsektizide vom Markt genommen wurden, stehen Landwirte und Gärtner vor einer massiven Herausforderung. Die drängendste Frage lautet heute nicht mehr, welches Mittel man spritzen kann, sondern: Was hilft gegen Drahtwürmer wirklich noch? Die Antwort liegt nicht in einer einzelnen Wundersubstanz, sondern in der intelligenten Kombination aus pflanzenbaulichen Maßnahmen, biologischer Schädlingskontrolle und exaktem Timing.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Chemische Bekämpfung ist Geschichte: Klassische Insektizide (wie Fipronil oder Chlorpyrifos) sind verboten oder wirkungslos. Der Fokus liegt zwingend auf Prävention und Biologie.
- Bodenbearbeitung als Waffe: Eine flache Stoppelbearbeitung im Spätsommer (August/September) trocknet Eier und Junglarven effektiv aus.
- Fruchtfolge ist essenziell: Kartoffeln oder anfälliges Gemüse sollten frühestens drei Jahre nach einem Wiesenumbruch angebaut werden.
- Biologische Gegenspieler: Entomopathogene Pilze wie Metarhizium brunneum zeigen in der Praxis (z. B. als Granulat) vielversprechende, wenn auch teils schwankende Erfolge.
- Hausmittel fallen durch: Kalkstickstoff und Neem-Produkte haben in wissenschaftlichen Freilandversuchen keine ausreichende Wirkung gegen Drahtwürmer gezeigt.

Warum klassische Insektizide keine Lösung mehr sind
Lange Zeit verließ man sich in der Landwirtschaft auf chemische Granulate und Saatgutbeizen, um bodenbürtige Schädlinge zu kontrollieren. Diese Zeiten sind vorbei. Umfangreiche Versuche der Agroscope (Schweiz) zwischen 2015 und 2019 haben schonungslos offengelegt, wie es um den chemischen Pflanzenschutz gegen Drahtwürmer bestellt ist: Wirkstoffe wie Chlorpyrifos, Spinosad, Spirotetramat und Tefluthrin konnten den Schaden an Kartoffelknollen im Vergleich zur unbehandelten Kontrolle nicht signifikant reduzieren [5].
Lediglich das Referenzprodukt mit dem Wirkstoff Fipronil zeigte eine gute Wirksamkeit, besonders wenn es bereits im Herbst in die Zwischenfrucht vor den Kartoffeln ausgebracht wurde [5]. Das Problem: Fipronil ist in der Schweiz und der EU aufgrund seiner Umweltauswirkungen längst nicht mehr zugelassen. Wer sich also fragt, was gegen Drahtwürmer hilft, muss den Blick zwingend auf indirekte, kulturtechnische und biologische Verfahren richten.
Indirekte und pflanzenbauliche Maßnahmen (Die Basis)
Da eine direkte Bekämpfung der bis zu fünf Jahre im Boden lebenden Larven extrem schwierig ist, bildet die indirekte Bekämpfung das Fundament jeder Drahtwurm-Strategie. Das Ziel ist es, die Population so niedrig zu halten, dass die wirtschaftliche Schadschwelle nicht überschritten wird.
1. Die richtige Fruchtfolge und Vorfrüchte
Schnellkäferweibchen legen ihre Eier bevorzugt in dichte, feuchte und ungestörte Pflanzenbestände ab. Kunstwiesen, Dauergrünland und stark verunkrautete Ackerflächen sind wahre Magneten für die Eiablage [3]. Das Risiko für Drahtwurmschäden ist in den ersten drei Jahren nach einem Wiesenumbruch am höchsten. Eine Analyse von 300 Kartoffelparzellen zeigte, dass das Schadensrisiko bei über 50 % lag, wenn Kartoffeln direkt nach einem Wiesenumbruch folgten. Wartete man drei Jahre, sank das Risiko auf unter 8 % [2].
2. Gezielte Bodenbearbeitung zum exakten Zeitpunkt
Drahtwürmer wandern je nach Bodenfeuchte und Temperatur vertikal im Boden. Bei Trockenheit oder Kälte ziehen sie sich in tiefere Schichten zurück, wo sie für mechanische Maßnahmen unerreichbar sind [1]. Was hilft also gegen Drahtwürmer bei der Bodenbearbeitung? Das Timing.
Eine flache Stoppelbearbeitung im Spätsommer (August und September) ist am effektivsten. Zu dieser Zeit befinden sich empfindliche Entwicklungsstadien (Eier, Junglarven und Puppen) in den obersten Bodenschichten. Werden sie durch Scheibenegge, Hacke oder Fräse an die Oberfläche befördert, trocknen sie aus oder werden mechanisch zerstört [3, 4]. Wichtig: Diese Maßnahme greift am besten einige Tage nach Niederschlägen, wenn die Drahtwürmer durch die Feuchtigkeit wieder nach oben gelockt wurden [2].
3. Standortwahl und Sortenwahl
Drahtwürmer bevorzugen humus- und tonreiche, schwere Böden, die Feuchtigkeit gut halten. Auf humusarmen, leichten und sandigen Böden trocknen die Eier und Junglarven schneller aus, weshalb das Befallsrisiko hier deutlich geringer ist [2, 3]. Zudem bevorzugen einige Arten (wie der Humusschnellkäfer) eher saure Böden. Ein Aufkalken oder hohe Gaben von Kalkstickstoff erhöhen den pH-Wert zwar leicht, bieten aber laut Studien keinen ausreichenden Schutz vor Schäden [2].
Bei Kartoffeln hilft zudem der Anbau früher Sorten. Durch eine rechtzeitige Ernte bei ausreichender Schalenfestigkeit (ab Juli) entgeht man der zweiten großen Fraßphase der Drahtwürmer im Spätsommer, wenn die Bodenfeuchtigkeit nach Niederschlägen wieder ansteigt [2]. Interessanterweise zeigen Versuche auch, dass Kartoffelsorten mit einem höheren Gehalt an Glycoalkaloiden (Solanin) seltener befallen werden, was jedoch für den menschlichen Verzehr problematisch ist [4].

Direkte Bekämpfung: Biologische und alternative Ansätze
Wenn pflanzenbauliche Maßnahmen nicht ausreichen, rücken biologische Gegenspieler in den Fokus. Hier liegt die größte Hoffnung der aktuellen Forschung.
Entomopathogene Pilze (Insektenpathogene Pilze)
Pilze der Gattungen Beauveria und Metarhizium befallen Schadinsekten natürlich im Boden. Die Sporen haften an der Haut des Drahtwurms, das Myzel dringt ein und durchwächst das Körperinnere, was zum Tod der Larve führt [3]. In Deutschland und der Schweiz gibt es Notfallzulassungen für Produkte auf Basis von Metarhizium brunneum (z. B. Attracap), die bei der Pflanzung als Granulat appliziert werden [2].
Die Herausforderung: Die Pilze wirken oft sehr artspezifisch (z. B. gut gegen A. ustulatus, schwächer gegen A. sputator) und benötigen Wochen, um die Population zu dezimieren [1, 3]. Um die Effizienz zu steigern, wird an der "Attract-and-Kill"-Methode geforscht. Hierbei werden pflanzliche Duftstoffe oder künstliche CO2-Quellen (z. B. in Alginat-Kapseln) genutzt, um die Drahtwürmer aktiv anzulocken und gezielt mit den Pilzsporen in Kontakt zu bringen [3].
Biofumigation
Ein weiterer Ansatz ist die Biofumigation. Durch den Anbau und das anschließende Einarbeiten von Kreuzblütlern (z. B. Senf) werden Glucosinolate freigesetzt. Im Boden wandeln sich diese in toxische und repellente (abschreckende) Stoffe um. Versuche zeigen jedoch, dass eine zufriedenstellende Wirkung gegen Drahtwürmer nur unter absolut optimalen Bedingungen und meist nur in Kombination mit anderen Methoden erzielt wird [3].

Mythos-Check: Was NICHT gegen Drahtwürmer hilft
In der Praxis kursieren viele Ratschläge zu Hausmitteln und alternativen Präparaten. Das Gartenbaukompetenzzentrum (GKZ) hat in einem mehrjährigen Projekt (2008-2012) einige dieser Substanzen wissenschaftlich geprüft [1]:
- Kalkstickstoff (CaCN2): Erwies sich in Laborversuchen als nicht toxisch für Drahtwürmer. Er hat lediglich eine repellente (abschreckende) Wirkung auf ältere Stadien, die aber in der Praxis keinen verlässlichen Schutz bietet.
- Neem-Produkte (NeemAzal-T/S, Niempresskuchen): Weder das Gießen noch das Einarbeiten von Niempresskuchen brachte im Freiland einen signifikanten Effekt zur Reduktion des Fraßschadens. Erst bei extremen, praxisfernen Überdosierungen (10-fache Konzentration) zeigten die Würmer im Labor eine Reaktion.
- Pflanzenstärkungsmittel (z. B. auf Thymianöl-Basis): Konnten den Pflanzenausfall in Salatbeständen nicht verringern.
Monitoring: Den Feind kennen
Um zu wissen, ob Maßnahmen greifen, muss man den Befallsdruck kennen. Hier gibt es zwei primäre Methoden, deren Aussagekraft jedoch oft überschätzt wird:
Pheromonfallen: Sie locken artspezifisch die männlichen Schnellkäfer an. Sie eignen sich hervorragend, um festzustellen, welche Arten (z. B. Agriotes lineatus oder A. obscurus) auf dem Feld vorkommen und wann ihr Hauptflug stattfindet. Zur direkten Bekämpfung ("Massenfang") oder zur exakten Schadensprognose für die Larven sind sie jedoch ungeeignet, da die Eiablage der Weibchen nicht zwingend am Fallenstandort erfolgt [3, 4].
Köderfallen: Hierbei werden z. B. mit Getreide gefüllte Becher oder Kartoffelhälften im Boden vergraben. Findet man mehr als einen Drahtwurm pro Falle, gilt das Feld als stark befallen. Das Problem: Diese Methode ist extrem unzuverlässig. Manchmal verursachen schon geringe Populationen massive Schäden, während in anderen Jahren trotz vieler Würmer in den Fallen kaum Knollen angefressen werden, weil die Bodenbedingungen (z. B. ausreichend Feuchtigkeit fernab der Knolle) keinen Fraß an der Kulturpflanze erzwingen [2, 3].
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Helfen Kalkstickstoff oder Neem-Produkte gegen Drahtwürmer?
Nein, wissenschaftliche Freilandversuche haben gezeigt, dass weder Kalkstickstoff noch Neem-Produkte eine toxische Wirkung auf Drahtwürmer haben. Sie wirken höchstens leicht abschreckend, verhindern aber keine Fraßschäden an den Kulturen.
Wann ist der beste Zeitpunkt für die Bodenbearbeitung gegen Drahtwürmer?
Der optimale Zeitpunkt ist der Spätsommer (August bis September), idealerweise einige Tage nach einem Regen. Eine flache Stoppelbearbeitung befördert dann Eier, Puppen und Junglarven an die Oberfläche, wo sie vertrocknen.
Welche Vorfrüchte senken das Risiko für Drahtwurmbefall?
Ungünstige Vorfrüchte für den Drahtwurm sind Eiweißerbsen, Ackerbohnen oder Brassicaceen (Kreuzblütler wie Gelbsenf). Unbedingt vermieden werden sollten Wiesenumbruch, Kleegras oder stark verunkrautete Brachen direkt vor anfälligen Kulturen wie Kartoffeln.
Sind Köderfallen zur Bekämpfung von Drahtwürmern geeignet?
Nein, Köderfallen (wie vergrabene Kartoffelhälften) eignen sich nicht zur Bekämpfung. Sie dienen lediglich der groben Befallseinschätzung, gelten in der Praxis aber als sehr unzuverlässig für genaue Schadensprognosen.
Was ist die "Attract-and-Kill"-Methode bei Drahtwürmern?
Bei dieser Methode werden Drahtwürmer durch Lockstoffe (wie ausströmendes CO2 aus Kapseln) aktiv angelockt und kommen dann gezielt mit insektenpathogenen Pilzen (z. B. Metarhizium) in Kontakt, die den Wurm infizieren und abtöten.
Fazit
Die Frage "Was hilft gegen Drahtwürmer?" lässt sich heute nicht mehr mit dem Kauf eines einzelnen Pflanzenschutzmittels beantworten. Der Wegfall von Breitbandinsektiziden zwingt uns zu einem ganzheitlichen Ansatz. Die erfolgreichste Strategie besteht aus einer weiten Fruchtfolge (keine Kartoffeln nach Grünland), einer punktgenauen, flachen Bodenbearbeitung im Spätsommer und dem Einsatz früher Sorten. Wer diese Basisarbeit leistet, kann das Restrisiko durch den gezielten Einsatz von insektenpathogenen Pilzen weiter minimieren. Der Kampf gegen den Drahtwurm ist ein Marathon, kein Sprint – aber mit dem richtigen Wissen über seine Biologie ist er gewinnbar.
Quellenverzeichnis
- Ritter, C. & Katroschan, K.-U. (2011): Möglichkeiten der Bekämpfung von Drahtwürmern (Agriotes spp.) im Gemüsebau. Info-Blatt 4/2011, Landesforschungsanstalt für Landwirtschaft und Fischerei MV.
- swisspatat (2022): Qualitätsmerkblatt Drahtwürmer. Arbeitsgruppe Anbau & Qualität swisspatat.
- Guyer, A., Baur, B. & Grabenweger, G. (2020): Drahtwürmer – Möglichkeiten der Regulierung. Agroscope Merkblatt Nr. 118/2020.
- AGES - Österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit: Drahtwürmer - Schnellkäfer (Agriotes sp.). Fachinformation Pflanzengesundheit.
- Agrarforschung Schweiz (2024): Kurative Massnahmen gegen Drahtwürmer (Agriotes spp.) in Kartoffelkulturen.